Die Zukunft der Arbeit ist jetzt

Ein Kommentar von Raphael Gielgen, Future of Work Trendscout bei Vitra

18.02.2021

Kaum ein Buzzword ist im Zuge der Corona-Diskussionen rund um den Arbeitsplatz so häufig gefallen wie New Work. Digitalisierungszwang, Homeoffice und flexible Arbeitszeiten sind zur Realität vieler geworden. Ist sie nun da, die schöne neue Arbeitswelt? Raphael Gielgen, Trendscout Future of Work bei Vitra, sieht eine Entwicklung abgeschlossen und neue Herausforderungen für die Zukunft.

Raphael Gielgen über die neue Zukunft der Arbeit

New Work ist da, jetzt muss sie ausgeführt werden

Wie konnte es überhaupt so weit kommen, dass der Mensch versucht, auf der Arbeit sein Glück zu finden? Geht man in der Geschichte zurück, war Arbeit einfach Arbeit und das Glück fand woanders statt. Das ist noch gar nicht so lange her. Aktuell gibt es Menschen, die aufgrund der Krise nicht mehr ihrer normalen Arbeit nachgehen können. Die Frage ist, was diese Arbeitserfahrung mit den Menschen macht.
Ich glaube, es bedarf beides. Auf der einen Seite ist Arbeit eben immer noch nur Arbeit – auch jetzt. Es ist toll, wenn man dabei Zugehörigkeit fühlt, Teil von etwas Größerem ist, und seine Potenziale entfalten kann. Aber die New Work Diskussion ist aktuell nicht hilfreich, weil sie oft zu Ich-bezogen ist. Wir sollten vielmehr gemeinschaftlich an die Herkulesaufgabe gehen, vor die uns die Pandemie stellt. New Work ist da, jetzt muss sie ausgeführt werden.

Der Corona-Effekt

COVID-19 hat uns in einem riesigen Zwangsexperiment dazu verdonnert, Dinge zu hinterfragen. Wir waren lange Jahre kritiklos gegenüber einem Arbeitssystem, das sich so etabliert hat. Für viele war das anfangs ein Schock, aber heute diskutieren nur noch ein paar wenige, warum die Leute von zu Hause arbeiten sollen. Diese Entwicklung fängt keiner mehr ein, sondern ist jetzt nicht mehr wegzudenken.
Viele sehen derzeit eher das gesellschaftliche Momentum als Ganzes und gelangen darüber zur Erkenntnis. „Hey, es ergibt gar keinen Sinn, die Dinge so zu tun, nur weil sie bisher der Standard waren.“ Nehmen wir allein schon den Arbeitsweg. Keiner möchte sich mehr morgens in eine Blechlawine auf dem Weg in die Stadt einordnen. Aktuell ist der Nahverkehr mancherorts um bis zu drei Viertel reduziert. Die Städte funktionieren einfach nicht mehr, wie wir sie programmiert haben.
Und auch das Betriebssystem Arbeit, wie wir es kannten, kann kein Update mehr erfahren – da muss jetzt eine ganz neue Software aufgespielt werden. Dieses Betriebssystem bedarf einer Co-Creation, also einer Programmierung durch uns alle. Das gibt uns keiner vor und das steht auch noch in keinem Wirtschaftsbuch. Wir fangen jetzt an, das für uns zu begreifen und zu erfassen. Was uns dabei helfen kann, ist ein anschauliches Bild von der Zukunft.

Wir sind auf dem Mars angekommen

Als Trendscout Future of Work helfe ich Kunden oder Partnern die Zukunft zu betreten. Ich illustriere Zusammenhänge und ermögliche ihnen zu verstehen, welche neuen oder alten Muster in einer perspektivischen Zeit einen neuen Kontext entstehen lassen. Und in diesem Kontext stellen sich dann Fragen, wie: Was bedeutet das für die Art und Weise der Zusammenarbeit? Was bedeutet das für die Führungskultur? Was bedeutet das für die Architektur der Arbeit?
Normalerweise aktualisiere ich meine Arbeit in einem etwa 18 Monate dauernden Zyklus, in dem ich das so genannte Work Panorama erstelle. Das hat sich jetzt natürlich komplett beschleunigt. Bisher haben die Leute im Zusammenhang mit der Zukunft der Arbeit immer gesagt: „Wir fliegen auf den Mars.“ Jetzt sind wir auf dem Mars angekommen. Selbst wenn der ein oder andere noch auf dem Mond hängt oder gerade von der Erde aus startet, kann ich jetzt meine Arbeit von einer ganz anderen Flughöhe aus machen. Es gibt fast wöchentlich neue Beispiele von Firmen, die etwas Neues tun, weil sie gerade auf dem Mars angekommen sind – vor allem im Bereich Technologie und Digitalisierung tut sich eine Menge. Es ist unvorstellbar, wie viele Tools dazu gekommen sind.

Das Work Panorama ist eine umfassende Betrachtung von Technologien und globalen Entwicklungen im Hinblick auf deren Auswirkungen, Herausforderungen und Chancen für die Arbeitswelt. Es stellt mögliche Szenarien für die Zukunft von Arbeitsräumen vor. Im Work Panorama 2020 fußten diese u.a. auf den Themenclustern Planet Centric, Anywhere Ecosystem, Campus Community, Virtual Connectivity und Talent Transfer.

Das Work Panorama 2021

Das alte Work Panorama ist im Prinzip abgehakt – nach nur zwölf Monaten, wohl gemerkt. Viele Themen haben sich weiterentwickelt. Das „Anywhere Ecosystem“, hinter dem Konzepte wie „hybrides Arbeiten“ oder „Distributed Work“ stecken, wird einen viel stärkeren Schwerpunkt bekommen als bisher schon.
Die physische Architektur der Arbeit muss in Knotenpunkten gedacht werden. Im Raum München zum Beispiel: Da gibt es Design Offices mit seinen Büros und Coworking-Angeboten. Da gibt es große Unternehmenssitze von BMW und anderen bekannten Marken. Da gibt es Hotels, die auf einmal ihre Türen als temporäre Arbeitsorte geöffnet haben. Diese Orte bilden ein Ökosystem, in dem die einzelnen Beteiligten voneinander lernen. In diesem System entsteht eine Art Abhängigkeit von Bezugspunkten zueinander – und es konvergiert. Ich glaube, dass ein Oberholz in Berlin oder Corporate Coworking Anbieter wie Design Offices deutschlandweit die Gewinner sein werden.
DO Lounge bei Design Offices München Nove
Ein weiteres wichtiges Thema ist die „Virtual Connectivity“ – also alles rund um Remote Work Tools. Die Entwicklungen hier haben in den letzten Monaten fast Raketengeschwindigkeit erreicht. Der Werkzeugkasten ist so riesig geworden, dass er eher einem ganzen Baumarkt gleicht. Ein Blick nach Las Vegas zur Consumer Electronics Show (CES) zeigt, was ich meine: bodennahe Monitore, über die man mit Menschen sprechen kann, oder die neueste Oculus-Brille. Da wird klar: Holografie ist das nächste. All das wird uns viel mehr in Sachen Kreativität und Inspiration ermöglichen, vor allem aber auch das Thema Engineering über sich hinauswachsen lassen.

Umwelt und Mensch im Fokus

Das bestehende Thema „Planet Centricity“ wird noch einmal einen ganz anderen Schwerpunkt erhalten. Umweltschutz – und damit meine ich nicht Nachhaltigkeit, sondern wirklichen Umweltschutz, ist Teil der Zukunft der Arbeit. Das fängt beim individuellen ökologischen Fingerabdruck an, mit Entscheidungen wie „steige ich heute in mein Auto oder nicht?“. Das setzt sich fort in einem größeren Footprint, den Unternehmen hinterlassen. Und darüber hinaus: Was leisten Unternehmen für einen gesellschaftlichen Beitrag zum Umweltschutz? Was bedeutet Citizenship an einem bestimmten Standort oder überall, wo wir sind?
Neu wird das Thema „Work for All“ in unser Panorama kommen. Wir proklamieren eine Zukunft, in der jeder sein Arbeitsmodell finden kann. Das betrifft Beschäftigungsverhältnisse, Arbeitszeitmodelle, Talentprogramme… Am Ende steht die Vision, dass sich Arbeitnehmer bei genau der richtigen Firma exakt die passende Arbeit finden, die auf ihre persönlichen Talente einzahlt. Das leistet das heutige Arbeitssystem noch nicht und wird ein brandneues Thema für unser Panorama. Und in diesem Zuge wird das bisherige Thema „Talent Transfer“ noch einmal eine neue Richtung einschlagen und zur „Learnability“ werden. Organisationen müssen ihren Mitarbeitern dabei helfen, in diese neue Zeit einzutreten.
Raphael Gielgen ist Future of Work Trendscout bei Vitra und reist für gewöhnlich durch über 100 Büros weltweit, um die Cluster seines Work Panoramas zu erforschen. 2020 hat sich seine Recherche auf über 300 Video- und Webcast-Formate verlagert. Die spannenden Ergebnisse seiner Arbeit in dieser turbulenten Zeit werden im Work Panorama 2021 Eingang finden und eine neue Zukunft der Arbeit skizzieren.
Porträt Bild von Raphael Gielgen, Trendscout Future of Work bei Vitra

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Fotos: © Vitra

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